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UNSERTÄGLICHGIFT

Seit den 70er Jahren warnt die Wissenschaft fast einstimmig vor den möglichen Auswirkungen eines Klimawandels auf die Ökosysteme der Erde. Eben genauso lange wird sie von Politik und Wirtschaft ignoriert. Während die Erhitzung der Erdatmosphäre durch fossile Brennstoffe mittlerweile zur neuen Kontroverse unserer Zeit avanciert ist, wirkt die mediale Präsenz des weltweiten Artensterbens wie ein beiläufiger Schatten, kaum der Beachtung wert. Unterdessen roden die Regierungen der Welt schlimmstenfalls mit voller Absicht Naturschutzgebiete und geben bestenfalls Versprechen in Sonntagsreden für die nächste Wahl. Dabei verschwanden im vergangenen Jahrzehnt allein in Deutschland 80% der Biomasse an heimischen Insektenarten, was den Tod von einem Fünftel der Vögel zur Folge hatte, die sich von Insekten ernähren.

Die Ursache für diese Katastrophe ist der Umgang der menschlichen Zivilisation mit der Natur. Hersteller wie Bayer Monsanto, BASF, oder die Syngenta Group produzieren Neonikotinoide und Glyphosate, die jedem Insekt den Gar aus machen. Neonikotinoide sind Insektizide auf Basis eines Nervengifts, welches auch in Zigaretten zu finden ist. Ein Fingerhut Imidacloprid (Bayer AG) sterilisiert effizient einen kompletten Acker, ohne dabei einen Unterschied zwischen Schad- und Nutzinsekten zu machen. Die Unternehmen argumentieren, dass man weniger dieser hochpotenten Gifte benötigen würde, was besser für die Umwelt sei. Dem gegenüber stehen Laboranalysen, die bestätigen, dass Neonikotinoide giftiger sind als DDT, über 16 Jahre lang in den Böden überdauern und bei Trockenheit im Staub auf andere Äcker, Wiesen und Wälder verteilt werden können. Bereits 2013 bestand der Verdacht auf eine erhebliche Wirkung bei Wildbienen, die EU verbot das Gift jedoch erst Ende 2020. Bayer klagte vor dem europäischen Gerichtshof gegen das Verbot. In Deutschland und der Schweiz sind Alternativen bereits im Einsatz, die verbotenen Gifte kommen über importierte Nahrungsmittel aus dem Ausland zurück nach Europa.

Auf der Südhalbkugel indes verbrennen täglich 4300 Fußballfelder Regenwald für die agrarwirtschaftliche Flächennutzung. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten werden ihres Lebensraumes beraubt. Die anschließenden Soja-Monokulturen für die Tierfutterproduktion westlicher Fleischkonzerne geben den meisten Tieren dann endgültig den Rest. Doch einige Arten prosperieren in diesen Zeiten. Während die Zunahme der globalen Temperaturen Insekten, die es feucht-kühl brauchen, immer weiter unter Druck setzen, breiten sich hitzebeständige Arten in neuen Habitaten aus und besetzen dort die ökologischen Nischen. Die Anopheles-Mücke zum Beispiel, welche die Malaria nach Europa gebracht hat oder der Buchsbaumzünsler, welcher aus Asien nach Deutschland eingeschleppt wurde. Diese Neozoen verdrängen einheimische Arten, mit bislang ungeahnten Auswirkungen auf die heimischen Ökosysteme.

Wenn im August die Lindenblüte endet, findet man auf Balkon und Straße viele verendete Hummeln und Bienen. Sie sind verhungert, weil wir es bevorzugen, gepflegte Gärten und saubere Straßen zu haben. Mit dem gravierenden Problem, dass zahlreiche Insekten nicht mehr genug Nahrung finden können und sterben müssen. Auf den aufgeheizten Wegen, Schottergärten und versiegelten Flächen, wo früher Wiesen blühten und die Stadtverwaltung heute Ordnung wünscht, werden die Tiere dann von der Sonne bei lebendigem Leib gekocht. Es ist mittlerweile bekannt, das Stadtbegrünung die Temperatur der Umgebung um bis zu 15 Grad senkt und Insekten Schutz und Futter bietet. Trotzdem werden Steinflächen bevorzugt, denn sie sind pflegeleichter. Die Trockenheit ist mittlerweile derart problematisch, dass verzweifelte Bienen in Bäckereien den Zucker vom Gebäck stehlen, eine Tätigkeit, die vormals nur von Wespen bekannt gewesen ist.

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Unsere Insekten sind einer Vielzahl an Problemen ausgesetzt, die wir direkt und indirekt zu verantworten haben. Landlebende Insekten sind seit 480 Millionen Jahren Teil der Erdgeschichte, und waren nie so sehr bedroht, wie heute. Sie sind artenreich und vielfältig, besiedeln jeden Kontinent und jedes Ökosystem des Planeten und haben einen gewaltigen Einfluss auf ihre Umgebung. Sie bestäuben, verwerten, renaturieren und ernähren unsere Welt. Ihr Fehlen wird für die Menschheit unabschätzbare Konsequenzen haben.

Die fotografische Arbeit „Unser täglich Gift“ von Alexander Hidic, möchte auf die Problematik des Insektensterbens aufmerksam machen und zum nachdenken anregen. Die Bilder sollen die Schönheit, Eleganz und Einzigartigkeit der uns so fremd erscheinenden Lebewesen einfangen, und gegenüber stellen mit den Problemen, die wir ihnen aufbürden.

Fotoserie derzeit ausgestellt im

Naturkundemuseum Bielefeld

(bis Februar 2024)

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